Donnerstag, 8.11.2018

20:00 – 22:00 

Begrüßung & Eröffnung

Podiumsdiskussion

Veranstaltungsort: Raum X, Adresse

Moderation: Stephanie Scholz, Radio CORAX

Freie Radios sind angetreten, um der medialen Öffentlichkeit eine Gegenöffentlichkeit zu bieten. Seit dieser Entstehungszeit der freien Radios haben sich die Rahmenbedingungen der Öffentlichkeit geändert. Zur Problematik der Abhängigkeit von Ressourcen und Macht ist eine zusätzliche Öffentlichkeit der sozialen Netzwerke entstanden und ein Trend zur gesellschaftlichen Regression stellen die Fragestellungen zur Selbstverortung und –definition von Gegenöffentlichkeit neu zur Diskussion. Mit den  zusätzlichen Erfahrungen aus dem Umgang mit dem NSU-Komplex, G20 in Hamburg, der Menschenrechtskrise um Menschen auf der Flucht u.a. soll die ZWCM 2018 Raum bieten, sich mit dem Begriff an sich und den alten und neuen Ansprüchen an Gegenöffentlichkeit
auseinanderzusetzen.

 

Gäste auf dem Podium:

XX – …


 

Diskussionspapier: Gegenöffentlichkeit – ZWCM2018 Chemnitz

Die Bewegung der freien Radios entstand im Laufe der 70er und 80er Jahre in einem breiteren Kontext, in dem der Begriff der „Gegenöffentlichkeit“ eine starke Rolle spielte. In dieser Zeit war die Öffentlichkeit stark reglementiert: In Westdeutschland war das Klima der Öffentlichkeit vom Kalten Krieg geprägt oder war auf kommerzielle Interessen ausgerichtet. In der DDR unterlag die Öffentlichkeit direkter staatlicher Kontrolle. In solchen Situationen setzten sich soziale Konflikte im Konflikt um den Zugang zur Öffentlichkeit fort – die Frage einer anderen Öffentlichkeit, von Gegenöffentlichkeit oder einer Öffentlichkeit von unten war eine unmittelbar politisierende Frage.

Seit dieser Entstehungszeit der freien Radios haben sich die Rahmenbedingungen der Öffentlichkeit geändert. Nach wie vor ist die Öffentlichkeit nicht jedem und jeder ohne weiteres zugänglich – neu gegründete Radio-Initiativen, die sich darum bemühen, eine eigene Frequenz zu bekommen, können ein Lied davon singen. Auch in einem weiteren Sinne lässt sich feststellen: Die Warenförmigkeit von Informationen (etwa durch Presse-Agenturen), Aufmerksamkeitsökonomien, unterschiedliche Zugänge zu finanziellen Ressourcen und zu technischer Ausstattung zur Organisierung von Öffentlichkeit sorgen dafür, dass nicht jede Stimme einen gleichen Zugang zur Öffentlichkeit hat. In der Öffentlichkeit gibt es Hierarchien, die über die Art des Sprechens und den Auswahl der Inhalte entscheiden – auch wenn dies nicht durch unmittelbare Kontrolle geschieht (wie es etwa das Stichwort der „Lügenpresse“ suggeriert).

Für Freie Radios gibt es mehrere Komponenten, die die Frage von „Gegenöffentlichkeit“ tangieren:

→ Nach der Gründungsphase der Freien Radios haben sich Initiativen, die oftmals mit illegalem Sendebetrieb begonnen hatten, institutionalisiert. Meistens haben nur diejenigen Initiativen überlebt, die sich auf den Prozess der Institutionalisierung eingelassen haben. Als institutionalisierte Freie Radios sind sie Teil der Medienlandschaft geworden – unabhängig davon, wie sie sich selbst in dieser positionieren und wie stiefmütterlich sie zum Teil von den anderen Medienvertreter*innen behandelt werden. Freie Radios müssen sich folglich damit auseinandersetzen, welche Rolle sie in der bestehenden Medienlandschaft spielen und was die Institutionalisierung für den eigenen Anspruch der Selbstorganisierung bedeutet.

→ Mit der Institutionalisierung geht oft die Abhängigkeit von öffentlicher Förderung einher. Freie Radios müssen sich damit auseinandersetzen, inwiefern dies auch das eigene Auftreten in der Öffentlichkeit und die Ausrichtung der selbst hergestellten Öffentlichkeit tangiert.

→ Durch die Digitalisierung, das Web 2.0 und die „sozialen Netzwerke“ hat eine Pluralisierung der Öffentlichkeit stattgefunden. Der Zugang zur Öffentlichkeit ist durch diese Entwicklung ungleich einfacher geworden, soziale Netzwerke sind selbst zu einem Faktor innerhalb der Öffentlichkeit geworden. Dies bedeutet nicht, dass dadurch emanzipatorische Inhalte im Siegeszug begriffen sind –
innerhalb der pluralisierten Netz-Öffentlichkeit sind reaktionäre Ideologien mindestens genauso wirksam vertreten, wie in der Gesellschaft insgesamt. Freie Radios müssen sich damit auseinandersetzen, inwiefern sie die digitale Öffentlichkeit selbst nutzen und wie sehr sie sich auf die dort wirkenden Mechanismen einlassen.

Nicht nur die Freien Radios selbst, sondern auch Bündnis- und Ansprechpartner der Freien Radios müssen sich daran anschließend mit folgenden Fragen auseinandersetzen:

• Was bedeutet für uns „Gegenöffentlichkeit“? Wenn wir diesen Begriff für uns in Anspruch nehmen, welche Abgrenzung bedeutet das „Gegen“ in Gegenöffentlichkeit? Was bedeutet dies sowohl inhaltlich, als auch formal?

• Welche Grenzen stellen wir fest, wenn wir Öffentlichkeit herstellen wollen? (Begrenzungen finanzieller, struktureller, aufmerksamkeits-ökonomischer, inhaltlicher Art.)

• Welche Relevanz und welchen besonderen Charakter hat unsere spezifische Art der Öffentlichkeit gegenüber den „sozialen Netzwerken“, inwiefern findet hier eine Verschränkung statt, was bedeutet letzteres für unsere Praxis?

• Welche Rolle spielt die (Selbst)Bildung und gegenseitige Ausbildung (Befähigung) derjenigen, die eine gezielte Öffentlichkeit herstellen möchten?

• Welche Faktoren hindern Akteure auf welche Weise daran, sich der Öffentlichkeit (auch im Kontext der Freien Radios selbst) zu bemächtigen? (Hierarchien, Geschlecht, Sprachbarrieren, kulturelles Kapital, Marginalisierung, Repression …)

• Nach dem Debakel der Berichterstattung zu G20, bei der der Eindruck stärker werden konnte, dass der bezahlte Journalismus vor der Polizei und politischem Druck kapituliert hat. Wie kann die von uns geschaffene Gegenöffentlichkeit in die Öffentlichkeit gebracht werden?